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Wir gründen eine neue Familie

Am Anfang war Richard*, 13, nicht sehr erfreut, als seine Mutter, Sonja*, immer öfter ihren neuen Freund Thomas* mit nach Hause gebracht hat. Dabei hat sich Thomas sehr um Richard bemüht: Immer wieder hat er kleine Geschenke mitgebracht, dem Buben vorgelesen oder mit ihm im Garten Fußball gespielt. Nach dem Abendessen ist Thomas am Anfang immer nach Hause gefahren, damit Sonja Zeit hat, Richard zu Bett zu bringen. Dennoch war Thomas für Richard damals vor allem eines: ein fremder Mann, der irgendwie stört.

Der fremde Mann

Richard war acht Jahre alt, als ihm seine Mutter ihren neuen Freund zum ersten Mal vorgestellt hat. Ihre Scheidung von seinem leiblichen Vater lag damals drei Jahre zurück. Die Stimmung in dem Zwei-Personen- Haushalt war nach der Scheidung lange Zeit von Wut und Enttäuschung geprägt. Richard hat seine Mutter damals oft weinen sehen. Aber daran war er gewöhnt: Vor der Scheidung, als sein Vater noch bei ihnen wohnte, wurde viel gestritten und geschrien. Auch in dieser Zeit hat Richard immer wieder gesehen, wie seine Mutter weinend am Küchentisch gesessen ist, den Kopf unter den Armen begraben, verzweifelt schluchzend. „Vielleicht habe ich angefangen, Thomas zu mögen, weil meine Mutter immer fröhlich war, wenn er gekommen ist“, sagt Richard. Mittlerweile ist er froh, dass Thomas bei ihnen lebt. „Sonst würde es ja wahrscheinlich auch meine kleine Schwester nicht geben.“ Lisa, 2, ist die gemeinsame Tochter von Sonja und Thomas. Und spätestens mit Lisas Geburt, findet Richard, hat sich die Stimmung in ihrem Haus entscheidend verbessert.

Wie ein erwachsener Freund

Richard hat seine Halbschwester „echt gern“ und findet, dass das Familienleben mit Thomas im Moment „eigentlich ziemlich OK ist“. Das war nicht immer so, und daran war auch Richard nicht ganz unschuldig. „Ich habe schnell gemerkt, dass ich Thomas ziemlich leicht kränken kann.“ Dazu war nur ein Satz notwendig: Du bist nicht mein Vater, du hast mir nichts zu sagen. Mittlerweile hat Richard diesen Satz schon lange nicht mehr zu Thomas gesagt. Die neue Familie hat sich gefunden, die Rollen sind klar verteilt. „Ich hab nur einen Vater, und das ist mein leiblicher Vater“, sagt Richard. Er sieht seinen Vater fast jedes Wochenende, oft sind auch dessen neue Lebensgefährtin und ihr 10-jähriger Sohn dabei. Richard hat zwei wichtige männliche  Bezugspersonen. „Thomas ist nicht mein Ersatzvater und versucht auch gar nicht, das zu sein. Thomas ist einfach ... Thomas“, lacht Richard. „Er ist wie ein erwachsener Freund, dem ich absolut vertrauen kann. Und mein Vater ist mein Vater.“

Krisenherd Positionskampf

84.700 Patchworkfamilien gibt es in Österreich. Experten schätzen, dass etwa 25 bis 30 Prozent aller Kinder zumindest eine Zeit lang in einem Patchwork-system leben. Gut funktionierende Patchworkfamilien haben durchaus auch Vorteile: Wenn Kinder zum Beispiel bei ihrer Mutter und ihrem neuen Partner leben, regelmäßig aber auch Zeit bei ihrem Vater und dessen neuer Familie verbringen, können sie dabei viel Erfahrung für ihre soziale und kulturelle Entwicklung sammeln. Außerdem können Kinder in einem Patchworksystem nach der Trennung ihrer Eltern eine neue Familie dazugewinnen – anstatt einen Elternteil zu verlieren. Beim Leben in einer Patchworkfamilie müssen aber auch spezielle Herausforderungen gemeistert werden. Ohne Flexibilität und Nachsicht ein schwieriges Unterfangen. Studien haben gezeigt, dass Patchworkfamilien doppelt so stark gefährdet sind, sich wieder zu trennen, als „klassische“ Familien. "Die größten Konfliktfelder in Patchworkfamilien entstehen, wenn jemand Probleme damit hat, dass der Expartner oder die Expartnerin eine neue Beziehung eingeht. Das wird dann oft über die Kinder ausgetragen, meistens so lange, bis auch der oder die andere selbst eine neue, stabile Partnerschaft hat“, weiß Margit Picher. Die Sozialpädagogin und Familienberaterin ist geschäftsführende Obfrau beim Patchwork Familien Service, einem Verein für Elternteile und Familien im Wandel. „Geduld, Konfliktlösungskompetenz und Toleranz sind nötig, um den Herausforderungen einer Patchworkfamilie gerecht zu werden“, betont Pircher. Ein häufiges Problem in Patchworkfamilien seien auch Positionskämpfe zwischen leiblichen Vätern und Stiefvätern. Diese können am besten mit dem Bewusstsein entschärft werden, dass beide im Sinne der Kinder ihre eigenen Rollen beibehalten dürfen.

Mehr Rechte für Stiefeltern

Der leibliche Vater soll nicht durch den Stiefvater verdrängt werden und der Stiefvater besser als Partner der Mutter auftreten und sich möglichst aus grundlegenden Erziehungsthemen heraushalten. „Das Gleiche gilt natürlich auch für leibliche Mütter und Stiefmütter“, sagt Pircher und betont: „Allerdings sollten unserer Meinung nach auch den Stiefelternteilen nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte zuteil werden. Vor dem Gesetz sind die Stiefeltern
ja immer noch Fremde.“ Und das führt in Alltagssituationen oft zu Schwierigkeiten. So sind Stiefeltern laut Gesetz zum Beispiel nicht zu Elternsprechtagen
ihrer Patchworkkids zugelassen. Das will die neue Justizministerin Claudia Bandion-Ortner ändern. Durch eine Gesetzesänderung sollen Stiefeltern vor allem für die Vertretung in alltäglichen Angelegenheiten mehr Befugnisse erhalten und künftig beispielsweise Entschuldigungen für die Schule schreiben oder über einfache medizinische Behandlungen entscheiden dürfen.

Wie Geschwister eben sind

Der Comicpopkünstler Oliver von Feistmantl, 43, ist Bestandteil von drei Patchworkfamilien: Er hat drei Kinder von drei verschiedenen Frauen. Geplant sei das so nicht gewesen, meint Feistmantl. Ob er es noch einmal so machen würde? „Diese Frage erübrigt sich“, sagt Feistmantl. „Ich habe drei super Kinder. Was sollte ich da anders machen?“ Die Kinder heißen Felix Lucas Josef (geboren 1993), HannaH Cosma Yoko (geboren 2000) und Lucy Luna (geboren 2005). Felix wohnt in der Nähe seines Vaters in Wien. HannaH ist im tirolerischen Silz zu Hause, Lucy Luna lebt mit Feistmantls Frau Sheida in Villach. „Wir schauen, dass wir uns trotz der Entfernungen möglichst oft sehen“, sagt Feistmantl. Wegen der teilweise unterschiedlichen Schulferien, aber auch aufgrund des Altersunterschieds sei es mitunter schwierig, alle Kinder an einen Tisch zu bekommen. „Aber wenn, dann verhalten sie sich so, wie
Geschwister eben sind“, erzählt Feistmantl. „Da gibt es manchmal Meinungsverschiedenheiten und zwei Minuten später schlecken sie gemeinsam ein Eis.“ Ein Jour fixe ist die gemeinsame Weihnachtsfeier am 26.12., da kommen im Normalfall alle zusammen. Auch die Partner der Mütter seiner Kinder. Wie geht er damit um, wenn diese teilweise seine Vaterrolle übernehmen? „So eine Situation kann sicher sehr unangenehm werden, aber wir haben auch in dieser Sache sehr viel Glück“, meint Feistmann. So habe sein Sohn Felix keinen „Stiefvater“, der sich wichtig macht, sondern einen Freund  dazubekommen. „Es ist sehr positiv, dass es bei uns ohne Streitereien und ohne Macht oder sonstige Spielchen abläuft“, betont Feistmantl und fügt schmunzelnd hinzu: „Ich muss mich an dieser Stelle auch gleich bei den Müttern meiner Kinder bedanken, denn mir ist sehr wohl bewusst, dass das nicht selbstverständlich ist.“

 

*Namen von der Redaktion geändert.

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