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Fotomord: Wenn Eltern ihre Kinder vermarkten

„Fotomord“ ist der Titel des ersten Romans von Patrick Worsch aus Wien. Er widmet sich einem brisanten Thema: Eltern, die Fotos ihrer Kinder im Internet für Lob und Likes veröffentlichen. BabyExpress sprach mit dem Autor über dieses heikle Thema.


Woher rührt Ihr Interesse für „Ruhmsucht“ im Internet? Kennen Sie „Betroffene"?

Ich denke, dass es zutiefst menschlich ist, nach Anerkennung in der Gemeinschaft zu streben, sei es im Beruf, im Netz oder in der Familie. Glück empfinden wir, wenn uns andere wertschätzen. Unglück, wenn wir verkannt oder nicht akzeptiert werden. Für mich ist dieses Streben völlig in Ordnung, solange sich die Anerkennung als Lohn für Leistungen ergibt. Ruhmsucht heißt für mich dagegen der Drang nach öffentlicher Beachtung, ohne seinen Mitmenschen einen echten Mehrwert zu bieten. Genau das versuchen die Charaktere in meinem ersten Roman »Das letzte Casting«, wenn sie sich in den Mittelpunkt zwängen, nur um mehr Likes zu erhalten als der Rest. Früher gebührte der Ruhm wenigen Menschen. Nur die allerbesten Ideen konnten sich verbreiten, nur ausgewählte Persönlichkeiten wurden auf anderen Kontinenten, im Nachbarland oder bloß im übernächsten Tal bekannt. Heutzutage ist es leichter, eine große Öffentlichkeit zu erreichen. Viel Öffentlichkeit bringt jedoch viel Verantwortung mit sich. Leider geht es immer weniger um Qualität, aber immer stärker um Sichtbarkeit. Ein ekelhaftes Video, ein besonders brutales Lied, eine gut getimte Dreistigkeit reichen mitunter aus, um über Millionen Bildschirme zu flimmern. Gerade Kinder und Jugendliche sind aber noch sehr leicht zu lenken und zu beeinflussen. Sie glauben dem Youtuber mit zwei Millionen Fans viel eher als dem, der nur 200 hat. Es wird oft besprochen, wer wie bekannt ist, es wird aber viel zu selten gefragt, was aus gutem Grund unbekannt bleiben sollte. Als Selfpublisher sehe ich umgekehrt meine Aufgabe darin, über Themen zu schreiben, die gerne übersehen und aus Gruppenzwang verschwiegen werden. 

Ihr Buch „Fotomord“ handelt von Eltern, die Likes und Lob für Bilder ihrer Kinder im Internet erhalten/sammeln. Was schätzen Sie: Wie ausgeprägt ist dieses Phänomen in Österreich?

Nach meinem Wissen gibt es bislang nur Dunkelziffern. Eine Seltenheit ist es aber nicht mehr. Fast jeder kennt zumindest einen, der es macht. Während des Schreibens habe ich drei Grundhaltungen kennengelernt. 1) Das Kind wird nicht gepostet. 2) Das Kind wird gepostet, aber nur mit Kosenamen, nur von hinten, nur mit Smileys oder Herzchen über dem Gesicht. 3) Das Kind wird ohne Einschränkung gepostet. – Ich schätze aber, dass keine dieser Verhaltensweisen im Moment die absolute Mehrheit hat. Es liegt an uns, in welche Richtung wir das Thema lenken wollen.

Haben Sie Verständnis für Eltern, die aus Stolz Bilder ihrer Kinder posten?

Ich empfinde für einige sogar Sympathie. Fotomord beleuchtet das Thema aus vielen Blickwinkeln. Auch diese Eltern erhalten im Roman ihre Stimme und Raum für ihre Argumente. Es ist schließlich wunderschön, wenn ein Kind lacht, etwas gut kann oder etwas zum ersten Mal schafft. Bei Kindern geht es aber auch um Verantwortung. Auch früher waren Eltern stolz, und auch früher wollten sie ihre Kinder herzeigen. Sie haben Verwandte und Bekannte eingeladen, die bekamen das Familienalbum in die Hand, dann haben sie geblättert, gestaunt und gelobt, aber wenn sie fertig waren, gaben sie den Eltern das Album zurück. Sie hatten die Kleinen in ihrem Kopf gespeichert, nicht auf ihrer Festplatte.

Zudem sind viele Kinder noch gar nicht alt genug, um bewusst zu begreifen, wie viele Menschen diese Bilder und Videos verändern, missbrauchen und später gegen sie verwenden können. Ich habe während der Arbeit auch gelernt, dass Eltern die Bilder oft im Glauben posten, dass diese nur für Freunde und Verwandte sichtbar wären, weil sie etwa ihre Privatsphäre-Einstellungen lange nicht mehr kontrolliert haben.

Wann sind für Sie die Grenzen dieses Phänomens erreicht?

Jetzt. Aus diesem Grund habe ich darüber geschrieben. Die Selbstbestimmung der Kinder ist unantastbar. Das Kind soll selbst entscheiden, welchen ersten Eindruck es im Netz hinterlassen will. Das Recht am eigenen Bild soll für alle, vor allem aber für die Schwachen und Wehrlosen gelten. Es gibt aber Eltern, die sich mit Totschlagargumenten wie »Es wird schon okay sein« rechtfertigen, um nicht mehr weiter darüber grübeln zu müssen. Ich habe sogar von Eltern gehört, die sagten, dass ihr Kind sie hoffentlich nicht dafür hassen wird, die aber dennoch damit fortfahren, das eigene Kind wie eine Werbefigur zur Schau zu stellen.

All das ist für mich verbunden mit dem Aussterben der Privatsphäre. Wenn wir den Kindern vorleben, dass es seltsam wird, für sich zu sein oder etwas nur für sich zu behalten, dann könnte auch die Individualität schon bald zu den bedrohten Werten zählen.

Was wollen Sie mit Ihrem Roman erreichen? (Außer natürlich viele Leser ;)

Zunächst schreibe ich, um zu unterhalten. Der Roman soll Spannung mit Wiener Schmäh bieten. Für das Thema Kinderbilder im Internet will ich sensibilisieren. Zu den größten Problemen werden nur jene, die wir zu lange für kein Problem halten.

Wie intensiv nutzen Sie das Internet (auch zur Selbstdarstellung)?

Wie viele andere auch, bin ich fast täglich online. Auch ich muss Werbung schalten und auf meine Texte aufmerksam machen; ansonsten könnte ich keine eBooks verkaufen. Ich achte aber darauf, dass ich meine Person nicht vor, sondern stets hinter meine Themen stelle. Bei Facebook und Instagram bin ich nicht, Twitter mag ich jedoch sehr gerne, da mir der Wortwitz und die Kürze der Nachrichten gefallen.

Würden Sie Eltern abraten, Bilder ihrer Kinder im Netz zu posten?

Ich kann jedem Menschen nur empfehlen, auf seine innere Stimme zu hören, auch dabei. Mir hilft es, wenn ich mich offen und gründlich mit einem Thema beschäftige, bevor ich entscheide. Wenn man über etwas tief gehend nachdenkt, überdenkt man dabei immer auch sich selbst, und danach ist die Entscheidung meist bewusster und leichter zu treffen.



Bilder: Shutterstock/Tyler Olsen, C7 Design

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