peinliche eltern

Mama & Papa - die unerwünschten Fans

Lukas, 10, nimmt ein letztes Mal vor dem großen Auftritt seine Trompete zur Hand. Morgen wird er bei einem Konzert in der Musikschule ganz alleine auf der Bühne stehen und „Oh when the saints go marching in“ spielen. Lukas spürt eine Mischung aus leichtem Bauchkribbeln und Vorfreude, wenn er an das Konzert denkt. Seine Eltern scheinen wesentlich mehr Lampenfieber zu haben. „Lukas, bist du sicher, dass du alles kannst?“ „Komm, wir müssen den Anzug probieren.“ „Was wird eigentlich der kleine Fredi spielen? Auch „‚Oh when the saints‘, oder etwas Schwierigeres?“ „Sollen wir vielleicht schon jetzt Fotos machen, oder reicht das morgen während dem Konzert?“ Lukas seufzt und legt die Trompete weg. „Mami, ich will auf keinen Fall, dass du zuschauen kommst. Und der Papa auch nicht. Wenn ihr kommt, trete ich nicht auf.“

Warum dürfen die anderen kommen – und ICH nicht?

Viele Eltern können ein Lied davon singen, wie weh es tut, von seinen eigenen Kindern solcherarts mit Lokal- oder Stadionverbot belegt zu werden. Was viele der Betroffenen aber nicht bedenken: Es liegt meist am eigenen Verhalten, wenn man auf der „Watchlist“ landet. Egal, ob Vorspielnachmittag in der Musikschule, Fußballmatch oder ein Auftritt mit der Theatergruppe: Experten zufolge sehen die meisten Kinder – zumindest bis zur Pubertät – ihre Eltern nämlich gerne im Zuschauerraum, wenn sie selbst im Rampenlicht stehen. Ist das nicht der Fall, kann das mehr oder weniger offensichtliche ründe haben, wie beispielsweise ein zu  exaltiertes Verhalten der Eltern. Es kommt bei den Freunden einfach nicht gut an, wenn Mami während dem Fußballmatch bei jeder Ballberührung ihres Sprösslings vor Begeisterung kreischt, oder wenn Papi in Tränen ausbricht, sobald seine Tochter die Theaterbühne betritt. Meistens steckt aber mehr dahinter, wenn die Eltern als Zuseher unerwünscht sind.

 

Die „Watchlist“ als Beziehungsbarometer

„Beim Großteil der Fälle ist es ein untrügliches Signal dafür, dass in der Eltern-Kind-Beziehung etwas nicht stimmt,“ weiß Dr. Christian Hiltpolt, Kinder- und Jugendlichentherapeut bei der Erziehungsberatungsstelle Innsbruck. „Ich erlebe es in der Praxis zum Beispiel sehr oft, dass Eltern in ihren Kindern etwas anderes sehen, als diese sind oder sein wollen.“ Derartige Wunschvorstellungen entstehen häufig aus Sorgen: Eltern wollen natürlich, dass ihre Kinder gut gerüstet für die Zukunft sind – und erwarten bzw. fordern daher oft auch, dass ihre Kids in der Schule gute Leistungen bringen, oder sogar bei den Klassenbesten dabei sind. „Aber es gibt nun mal Kinder, die sich sehr leicht tun, und die sind dann oft der Maßstab für die anderen, die sich nicht so leicht
tun,“ betont Hiltpolt. „Daraus kann Überforderung entstehen, und das kann dann wieder ein Grund sein, warum Kinder eher nicht wollen, dass die Eltern dabei sind.“ Wenn Kids sich von ihren Eltern bezüglich ihrer Schulleistungen zu sehr bewertet oder gar unter Druck gesetzt fühlen, kann sich das nämlich oft auch in private Bereiche verlagern. Und dann sind die „strengen“ Eltern möglicherweise auch bei Freizeitveranstaltungen keine gern gesehenen Gäste – selbst dann, wenn es ihnen wirklich egal ist, ob der Junior beim Fußballmatch groß auftrumpft, oder einfach nur Spaß am Sport hat. Als besonders effektives Beziehungsbarometer können sich öffentliche Auftritte der Kids übrigens dann erweisen, wenn die Kleinen prinzipiell eher ungern im Mittelpunkt stehen. Ist das Eltern- Kind-Verhältnis nämlich von einem liebevollen, mitfühlenden Miteinander getragen, kann die Anwesenheit von Mama und Papa für die Kinder durchaus hilfreich und wünschenswert sein. Wenn es aber Beziehungsprobleme gibt, wird die elterliche Präsenz als zusätzliche Schwierigkeit
empfunden.

 

In der Pubertät sind Eltern einfach nur peinlich

Wenn aus den lieben Kleinen Teenager werden, ist dann in sehr vielen Familien – vorübergehend – Schluss mit der Mutter-Vater-Kind- Idylle. Hier nimmt meist auch das Nicht-dabeihaben- Wollen der Eltern eine neue Dimension an, und ist auch anders zu deuten. „Die meisten Jugendlichen brauchen ihre eigene Welt,“ erklärt Dr. Hiltpolt. „Das hat mit Loslösung und Identitätssuche zu tun, und da gehört auch Abgrenzung dazu. Die Eltern stören dann aus der Sicht der Jugendlichen manchmal, wenn sie in dieser Welt auftauchen.“ Tipp: Nehmen Sie den Wunsch Ihrer Kids nach Freiräumen ernst. Gleichzeitig lohnt es sich aber auch, die „Grenzen auszuloten“. Gehen Sie manchmal zu Veranstaltungen Ihrer Kinder – und bleiben Sie manchmal zu Hause. Und schauen Sie dann, wie es Ihnen damit geht, und wie es Ihren Kindern damit geht. Vielleicht empfinden diese es ja trotz anfänglicher Skepsis schlussendlich als Bereicherung, wenn Mama und Papa zuschauen kommen – und die größten Fans sind, die auch bei Niederlagen oder Fehlgriffen auf dem Musikinstrument zu einem stehen.

 

„Es ist etwas Kränkendes, wenn Eltern die Kinder nicht so sehen, wie sie sind und sein wollen. Als Folge wollen dann diese Kinder oft nicht, dass ihre Eltern zuschauen kommen, wenn sie einen öffentlichen Auftritt haben. Ganz wichtig ist auch in diesem Zusammenhang die Liebe zu den Kindern um ihrer selbst willen, so wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten.“ Dr. Christian Hiltpolt, Erziehungsberatungsstelle Innsbruck

 

Ich will nicht, dass ihr zuschauen kommt

FOLGENDE URSACHEN KÖNNEN DAFÜR VERANTWORTLICH SEIN, DASS IHRE KINDER SIE NICHT IM ZUSCHAUERRAUM SEHEN WOLLEN.

FATALE IDEALBILDER: Wenn Sie genaue Vorstellungen haben, wie Ihr kleiner Liebling ist bzw. sein und werden soll, sich das Kind aber selbst ganz anders sieht und fühlt, können Beziehungs-Dissonanzen – und der Wunsch nach mehr Freiraum – entstehen.
LEISTUNGSDRUCK: Wenn Sie von Ihren Kindern erwarten, dass diese bei Sportveranstaltungen, Theater- oder Musikaufführungen immer gewinnen bzw. Spitzenleistungen erbringen, entsteht Druck. Die mögliche Folge: Die Kids wollen Sie nicht im Zuschauerraum sehen.
VERLAGERTE PROBLEME: Zu hohe elterliche Erwartungen und Druck verlagern sich oft aus dem schulischen Bereich ins Private. Wer ständig bessere Schulnoten fordert, kann also leicht auch im gesellschaftlichen Abseits landen. SCHAM: „Eltern sind einfach peinlich.“ Diesen Spruch würde wohl der Großteil aller pubertierenden Kids unterschreiben. Wenn sich Kinder aber vor der Pubertät für ihre Eltern schämen, sollten die Eltern objektiv und eventuell in Rücksprache mit dritten Personen hinterfragen, ob es nachvollziehbare Gründe dafür gibt.
EXALTIERTES VERHALTEN: Nicht alle Kinder mögen es, wenn Mama und Papa während der Veranstaltung übergebührliche Begeisterung (z.B. Kreischen, laute Bravo-Rufe, etc.) zeigen oder die Leistung des Nachwuchses permanent mit Foto- oder Videokamera dokumentieren. Hier hilft ein dezenteres Verhalten bzw. vorab ein klärendes Gespräch über den möglichen Kamera-Einsatz.

Ich will, dass ihr zuschauen kommt

SO KÖNNEN SIE DAFÜR SORGEN, DASS SIE BEI DEN GROSSEN AUFTRITTEN IHRES KINDES EIN GERN GESEHENER FAN SIND.

FEHLER VERMEIDEN: Vermeiden Sie Verhaltensmuster wie im Kasten oben beschrieben.
GESPRÄCH SUCHEN: Fragen Sie Ihr Kind, warum es Sie nicht im Zuschauerraum sehen möchte.
MISSVERSTÄNDNISSE AUSRÄUMEN: „Es ist nicht wichtig für mich, wie viele Tore du heute schießt. Ich würde bei dem Match aber gerne zuschauen, weil ich Fußball mag, und weil ich dir gerne zuschaue, wie du Spaß hast.“ Solche Aussagen können Wunder wirken – allerdings nur, wenn sie ehrlich gemeint
sind. Kinder merken, wenn Eltern nicht authentisch sind!
GRENZEN RESPEKTIEREN: Wenn Sie Ihr Kind bei einigen Veranstaltungen partout nicht als Fan dabei haben will, sollten Sie das respektieren – und nach den Ursachen forschen und an sich arbeiten. Schließlich kann dieser „Ausschluss“ ja ein Zeichen dafür sein, dass etwas in der Eltern-Kind-Beziehung nicht stimmt. Gleichzeitig sollten Sie aber – wenn es Ihr Kind nicht zu sehr stört – doch einige Veranstaltungen besuchen. Dabei können Sie Ihrem Kind zeigen, dass es ja gar nicht so schlimm ist bzw. sogar schön ist, wenn Sie mit dabei sind. Und schließlich ist es ja grundsätzlich etwas Positives und Wichtiges, wenn Eltern am Leben ihres Kindes Anteil nehmen und auch bei wichtigen „Events“ dabei sind.
MIT AUSSENSTEHENDEN SPRECHEN: Erzählen Sie Freunden von Ihrem Dilemma. Ein Außenstehender kann mögliche Ursachen oft sehr schnell aufzeigen.
PROFESSIONELLE HILFE: Wenn Sie sehr darunter leiden, dass Sie Ihr Kind nicht im Zuschauerraum sehen will bzw. den Verdacht haben, dass eventuell ein schwerwiegender Konflikt der Grund dafür sein könnte und keine Besserung in Sicht ist, sollten Sie professionelle Hilfe (z.B. bei einer  Erziehungsberatungsstelle) konsultieren.

Bitte anmelden um Kommentare verfassen zu können.

JInput Object ( [options:protected] => Array ( ) [filter:protected] => JFilterInput Object ( [stripUSC] => 0 [tagsArray] => Array ( ) [attrArray] => Array ( ) [tagsMethod] => 0 [attrMethod] => 0 [xssAuto] => 1 [tagBlacklist] => Array ( [0] => applet [1] => body [2] => bgsound [3] => base [4] => basefont [5] => embed [6] => frame [7] => frameset [8] => head [9] => html [10] => id [11] => iframe [12] => ilayer [13] => layer [14] => link [15] => meta [16] => name [17] => object [18] => script [19] => style [20] => title [21] => xml ) [attrBlacklist] => Array ( [0] => action [1] => background [2] => codebase [3] => dynsrc [4] => lowsrc ) ) [data:protected] => Array ( [Itemid] => 231 [option] => com_content [view] => article [catid] => 83 [id] => 1945 ) [inputs:protected] => Array ( [cookie] => JInputCookie Object ( [options:protected] => Array ( ) [filter:protected] => JFilterInput Object ( [stripUSC] => 0 [tagsArray] => Array ( ) [attrArray] => Array ( ) [tagsMethod] => 0 [attrMethod] => 0 [xssAuto] => 1 [tagBlacklist] => Array ( [0] => applet [1] => body [2] => bgsound [3] => base [4] => basefont [5] => embed [6] => frame [7] => frameset [8] => head [9] => html [10] => id [11] => iframe [12] => ilayer [13] => layer [14] => link [15] => meta [16] => name [17] => object [18] => script [19] => style [20] => title [21] => xml ) [attrBlacklist] => Array ( [0] => action [1] => background [2] => codebase [3] => dynsrc [4] => lowsrc ) ) [data:protected] => Array ( ) [inputs:protected] => Array ( ) ) [request] => JInput Object ( [options:protected] => Array ( ) [filter:protected] => JFilterInput Object ( [stripUSC] => 0 [tagsArray] => Array ( ) [attrArray] => Array ( ) [tagsMethod] => 0 [attrMethod] => 0 [xssAuto] => 1 [tagBlacklist] => Array ( [0] => applet [1] => body [2] => bgsound [3] => base [4] => basefont [5] => embed [6] => frame [7] => frameset [8] => head [9] => html [10] => id [11] => iframe [12] => ilayer [13] => layer [14] => link [15] => meta [16] => name [17] => object [18] => script [19] => style [20] => title [21] => xml ) [attrBlacklist] => Array ( [0] => action [1] => background [2] => codebase [3] => dynsrc [4] => lowsrc ) ) [data:protected] => Array ( [Itemid] => 231 [option] => com_content [view] => article [catid] => 83 [id] => 1945 ) [inputs:protected] => Array ( ) ) ) )