Ich war ein Kindersoldat, 1

In mehreren Ländern Afrikas toben brutale Kriege. Mittendrin: Tausende Kinder und Jugendliche, die unter Drogeneinfluss plündern, foltern und morden müssen. BabyExpress hat mit einem ehemaligen Kindersoldaten gesprochen.

Töten mit 8 Jahren: Mädchen und Buben als Soldaten

Mindestens 38 Konfliktparteien in 12 Ländern setzen derzeit laut UNICEF-Angaben im großen Stil Mädchen und Buben als Soldaten ein. Insgesamt gibt es weltweit mehr als 250.000 Kindersoldaten, bereits Achtjährige werden von den skrupellosen Militärs zwangsrekrutiert. Mit Drogen, Druck, Manipulation und Terror werden die Kinder zu Kämpfern abgerichtet, die jeden Befehl ausführen. Falls sie überleben, sind sie brutal traumatisiert und können nur schwer in ein „normales“ Leben zurückfinden.

Wir marschierten lange Stunden und machten nur Halt, um Sardinen und Corned Beef mit Gari zu essen, Kokain und Brown Brown und ein paar weiße Kapseln zu schlucken. Die Kombination dieser Drogen verlieh uns Energie und machte uns stark. Der Gedanke an den Tod kam mir gar nicht in den Sinn, und töten war so leicht geworden wie Wasser trinken. In meinem Gehirn hatte sich nicht nur ein Schalter umgelegt, als ich das erste Mal jemanden getötet hatte, sondern ich hatte auch jeden Gedanken daran, jegliches Schuldgefühl ausgeschaltet – oder zumindest schien es so.“ Für Ishmael Beah, geboren 1980 in Sierra Leone, war der Krieg in seiner Heimat lange Zeit etwas Abstraktes. Krieg, das war etwas, das in den Fernsehnachrichten stattfand, oder in Filmen wie „Rambo“ und „Phantom Kommando“. Ishmael kümmerte sich nicht besonders um den Krieg. Er hatte andere Interessen: Als er acht Jahre alt war, gründete er zusammen mit seinem älteren Bruder Junior und zwei Freunden eine Rap- und Dance-Gruppe. Später konnte Ishmael noch seine Vorliebe für Shakespeare entdecken – und dann war das alles plötzlich zu Ende. Ishmael Beah ist gerade 12 Jahre alt, als Rebellen seine Eltern und Geschwister ermoden. Wenig später wird er von der Regierungsarmee Sierra Leones zwangsrekrutiert – und ist ab sofort mitten drinnen in dem Wahnsinn aus Mord, Plünderungen, Rache, Drogen, Hass und Folter. Ishmael Beah war ein Kindersoldat – so wie hunderttausende andere Kinder auch. Manche von ihnen sind erst acht Jahre alt. Sie werden von brutalen Militärs manipuliert, unter Drogen gesetzt, als Sexsklaven missbraucht und gezwungen zu plündern, zu foltern, zu töten. Ein Leben in einem derartigen Albtraum-Szenario hinterlässt auf Kinderseelen schreckliche Narben.

„Ich weiß, dass ich außergewöhnliches Glück hatte.“

Ishmael Beah scheint in der Katastrophe einen doppelten Schutzengel gehabt zu haben. Ishmael Beah hat den Krieg überlebt. Und er hat danach die Chance bekommen, ein neues Leben zu beginnen. „Ich weiß, dass ich außergewöhnliches Glück hatte, den Krieg zu überleben,“ erzählt Beah dem BabyExpress. „Und ich bin glücklich über jeden Moment meines neuen Lebens. Wenn ich in der Früh aufwache, genügt das schon, um mich glücklich zu machen. Weil ich genau weiß, dass solche Momente nicht selbstverständlich sind.“ Als Beah mit 16 Jahren von der UNICEF aus der Armee befreit wurde, widersetzte er sich anfangs allerdings dem Wechsel in dieses „neue Leben“. So wie ihm geht es vielen ehemaligen Kindersoldaten bei ihrem Abschied von den Waffen. Die Rückkehr aus dem Irrsinn des Krieges in ein „normales“ Leben ist für sie eine nur sehr schwer zu lösende Aufgabe.

Viele Kindersoldaten können sich an das „normale“ Leben nicht erinnern

Die Verarbeitung der erlebten und selbst verübten Gräueltaten gehört meistens genauso dazu wie die Aufarbeitung des Verlustes der Eltern und ein Drogenentzug. Ishmael Beah hat es geschafft. In einem von der UNICEF unterstützten Rehabilitationszentrum für ehemalige Kindersoldaten. „Dort hatte er die Chance, am normalen Leben teilzunehmen und über seine schrecklichen Erlebnisse hinwegzukommen. Er konnte zur Schule gehen und er lernte über seine Erlebnisse zu sprechen,“ berichtet Helga Kuhn, Pressesprecherin bei UNICEF Deutschland. Seit 2001 haben 95.000 Jungen und Mädchen solche Programme durchlaufen. „Am schwierigsten ist dabei wohl, dass diesen Kindern ein normales Leben völlig unbekannt ist. Sie kennen nur Krieg und
Gewalt – alles andere müssen sie erst lernen,“ so Kuhn. Ishmael Beah hat es geschafft – und nach dem Krieg eine außergewöhnliche Karriere gemacht. Bereits 1996 wurde er von der UNO zum United Nation’s First International Children’s Parliament eingeladen, um in New York über die Situation von Kindersoldaten in seinem Land zu sprechen. Er hat einflussreiche Politiker wie Bill Clinton und Nelson Mandela getroffen. Heute lebt Beah in New York. Er hat die United Nations International School abgeschlossen und 2004 am Oberlin College seinen Abschluss in Politikwissenschaften gemacht. Er gehört dem Human Rights Watch Children’s Division Advisory Committee an und unterstützt die internationale Kampagne gegen den Missbrauch von Kindersoldaten. Ishmael Beah hat aber auch ein Buch geschrieben. Das Buch ist unter dem Titel „Rückkehr ins Leben: Ich war Kindersoldat“ im Campus Verlag nun auch auf Deutsch erschienen. In diesem Buch verarbeitet Beah seine Erfahrungen und beschreibt teils unfassbare Szenen, so wie die eingangs zitierte. Bereits Anfang 2007 ist das Buch in Amerika veröffentlicht worden – und stand kurz nach Erscheinen auf Platz 1 der New York Times  Bestsellerliste. Ein unglaublicher Erfolg für Beah, der zuvor den meisten seiner amerikanischen Freunde noch gar nicht erzählt hatte, was er im Krieg alles erlebt – und getan hat.

„Wir müssen einander verzeihen.“

„Meine amerikanischen Freunde waren schockiert darüber, was mir und vielen anderen Kindern in meiner Heimat widerfahren ist,“ erzählt Beah. „Sie sehen mich jetzt aber nicht anders als zuvor. Meine engsten Freunde haben gesagt, dass sie irgendwie schon geahnt hätten, dass es Geheimnisse in meiner Vergangenheit gibt. Sie verstehen jetzt auch besser, warum ich manchmal eher ruhig bin. Und sie sind immer noch meine Freunde.“ Ishmael Beah war ein Opfer und wurde gezwungen, zum Täter zu werden. Seine Vorgesetzten haben ihn unter Druck gesetzt und ihm gleichzeitig immer wieder eingeschärft, er würde gegen die Mörder seiner Eltern und Brüder kämpfen. Wie viele Menschen er im Krieg getötet hat, darüber spricht Ishmael Beah nicht gerne. Aber er wird immer wieder mit Sätzen zitiert, in denen er davon spricht, dass er so viele Menschen getötet habe, dass er irgendwann mit dem Zählen aufgehört hat. Was empfindet Beah heute, wenn er an seine Opfer denkt? „Wir  hatten alle das Unglück, in diesem Wahnsinn gefangen zu sein,“ sagt der 26-Jährige. „Wir müssen einander verzeihen. Das wird uns auch dabei helfen zu verstehen, was in unserem Land geschehen ist.“ Ob er sein Trauma jemals vollständig überwinden kann, das muss wohl bezweifelt werden. Aber Beah ist ein positiver Mensch. Und er hat die Kraft, sein neues Leben zu leben. „Es war harte Arbeit, mit mir selbst und mit dem Leben glücklich zu sein. Aber es ist möglich. Ich habe immer noch Albträume vom Krieg. Ich weiß nicht, ob das jemals aufhören wird. Aber die Albträume sind nicht mehr so schlimm wie unmittelbar nach dem Krieg.“

„Viele ehemalige Kindersoldaten sind durch für uns nur schwer vorstellbare Grausamkeiten traumatisiert. Sie wurden Augenzeuge bei Morden und Folterungen. Manche mussten zusehen, wie ihre Eltern umgebracht wurden. Fast immer wurden sie selbst misshandelt, Mädchen oft auch sexuell missbraucht. Tiefe Spuren in der Seele hinterlassen auch die Taten, die die Kindersoldaten anderen angetan haben. Albträume, Schlaflosigkeit, kaum zu kontrollierende Aggressionen und seelische Erkrankungen sind häufig die Folge.“ Helga Kuhn, Pressesprecherin UNICEF Deutschland

 

"Kriegserlebnisse zu verarbeiten ist ein Langzeitprozess"- "Töten war so leicht geworden wie Wassertrinken"

“Ich habe immer noch Flashbacks und Albträume. Aber ich habe gelernt, mich selbst und meine Erfahrungen zu akzeptieren. Mein Leben vor dem Krieg, mein Leben während des Kriegs und mein Leben nach dem Krieg – das sind die Teile, die mich zu dem Menschen machen, der ich heute bin.“ Ishmael Beah, ehemaliger Kindersoldat aus Sierra Leone

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