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Arme Kinder für reiche Eltern,1

Die wachsende Nachfrage kinderloser Paare aus den Industrieländern nach Kindern aus Entwicklungsländern hat in Nepal regelrechte „Märkte“ für
Auslandsadoptionen entstehen lassen.

Weil es in vielen Ländern an rechtlichen und fachlichen Strukturen fehlt, sind illegale und kriminelle Praktiken an der Tagesordnung. In Nepal entfallen nach einer neuen Studie von UNICEF und terre des hommes lediglich vier von 100 Adoptionen auf einheimische Familien. Die Studie dokumentiert zahlreiche illegale Praktiken bis hin zum Verkauf und zur Entführung von Kindern. UNICEF und terre des hommes fordern die Einhaltung der Kinderrechte und die Durchsetzung internationaler rechtlicher und fachlicher Standards bei Auslandsadoptionen. Bei einer sechsmonatigen Recherche in 71 Kinderheimen im Kathmandu-Tal, in Pokhara und im Westteil des Landes wurde deutlich, dass diese Einrichtungen weitgehend von der kommerziellen Vermittlung von Kindern ins Ausland leben. Gleichzeitig sind über 60 Prozent der dort untergebrachten Kinder keine Waisen. Trotzdem werden viele dieser Kinder zur Adoption angeboten. Etwa ein Drittel der über 1.000 Kleinstheime in Nepal wird nie öffentlich kontrolliert. Noch 2006 wurden fast 500 Kinder aus Nepal an ausländische Familien vermittelt. Wegen wachsender internationaler Kritik an den Adoptionspraktiken und Berichten über krasse Unregelmäßigkeiten hatte die Regierung im Mai 2007 Auslandsadoptionen zunächst gestoppt. Seit Mai dieses Jahres sind neue rechtliche Bedingungen und Verfahren in Kraft. Die nepalesische Regierung hat auch angekündigt, die Haager Konvention zur Auslandsadoption zu ratifizieren. UNICEF und terre des hommes begrüßen diese Ankündigung. Gleichzeitig unterstreichen sie, dass Auslandsadoptionen aus Nepal erst dann wieder aufgenommen werden sollten, wenn dieser Prozess abgeschlossen und die entsprechenden rechtlichen Regelungen umgesetzt werden. „Es ist eine regelrechte Adoptionsindustrie entstanden. Dort zählt der Profit mehr als die Rechte und Interessen der Kinder“, sagte Gillian Mellsop, Leiter von UNICEF Nepal. „Staatliche Kontrollen und ein funktionierendes einheimisches Pflegekinderwesen können den Missbrauch verhindern und Auslandsadoptionen da möglich machen, wo sie angemessen sind.“ Von den über 15.000 Kindern in Heimen in Nepal gehören viele nicht dorthin. Ihre Eltern wurden vielfach bestochen, überredet oder getäuscht. „Die Mehrzahl der Kinder bräuchte nicht in den Heimen zu sein“, sagte der Leiter von terre des hommes in Nepal, Joseph Aguettant. „Sie haben Familien  oder Verwandte, die sie versorgen könnten, wenn sie dazu Unterstützung erhielten.“ Priorität müsse es deshalb sein, diese Kinder wieder mit ihren Familien oder Verwandten zusammenzubringen, nicht die Wiederaufnahme von Auslandsadoptionen.

Die Studie dokumentiert zahlreiche Unregelmäßigkeiten bei Auslandsadoptionen, wie sie auch in anderen Ländern verbreitet sind:

  • In manchen Einrichtungen wurden bis zu 70 Prozent der Kinder zur Adoption angeboten. In den Papieren heißt es in der Regel, diese seien
    „verlassen“ oder von der Polizei gefunden worden. Nachdem die nepalesische Regierung wegen internationaler Kritik 2007 Auslandsadoptionen
    vorerst stoppte, sank die Zahl dieser so genannten „verlassenen“ Kinder drastisch.
  • Interviews mit Eltern, die Kinder abgegeben haben, zeigen, dass diese oft überredet wurden, ihr Kind zur Adoption freizugeben oder über den wahren Charakter ihrer Entscheidung getäuscht wurden. Ihnen wurde zum Beispiel gesagt, sie würden in Kontakt mit ihrem Kind bleiben.
  • In verschiedenen Fällen kam es dazu, dass Kinder von ihren Eltern in ein Heim ins Kathmandu- Tal geschickt wurden, weil man ihnen versprochen hatte, dass diese dort eine gute Ausbildung bekämen. Erst später erfuhren sie, dass ihre Kinder ins Ausland gebracht wurden.
  • Vielfach wurden Eltern, die nicht lesen und schreiben konnten, dazu gedrängt, Papiere zu unterschreiben, die sie nicht verstehen konnten.
    Häufig wurden auch gefälschte Dokumente vorgelegt, um den Status eines Kindes als Waise zu belegen.
  • Adoptionswillige Paare wurden mit Kindern in Kontakt gebracht, ohne dass feststand, ob diese überhaupt zu adoptieren waren. Vielfach wurde auch nicht geprüft, ob die Paare in ihren Heimatländern als geeignete Adoptionsbewerber eingestuft wurden.
  • Aufnehmende Eltern, die bereits eine Bindung zu einem Kind aufgebaut hatten, waren bereit, auch höhere Geldbeträge zu bezahlen. Offizielle Vermittlungskosten lagen bei rund 5.000 Dollar. Hinzu kamen aber weitere Kosten für Rechtsanwälte, Gerichte, verpflichtende Spenden an die Heime sowie Hotelkosten.

Kinder in den Mittelpunkt stellen

UNICEF und terre des hommes unterstreichen, dass bei Auslandsadoptionen – genauso wie bei Adoptionen innerhalb eines Landes – die Interessen der Kinder im Mittelpunkt stehen müssen. Es geht darum, geeignete Eltern für ein Kind mit seiner spezifischen Vorgeschichte zu finden – nicht darum, kinderlosen Eltern ein Kind zu verschaffen. Die Vermittlung eines verlassenen Kindes ins Ausland soll erst dann erfolgen, wenn für das Kind in seinem Heimatland keine Adoptionsfamilie oder adäquate Möglichkeiten gefunden werden können. Aus der Vermittlung dürfen keine „unangemessenen“  finanziellen Vorteile erwachsen. Auch darf keinerlei Druck auf Eltern ausgeübt werden. Diese Grundsätze sind in der Haager Konvention zur Auslandsadoption festgelegt, die inzwischen 74 Staaten unterzeichnet haben.