Leben am finanziellen Limit, 1

Armut ist mehr als das Fehlen bestimmter Konsumgüter. Armut führt zu gerinen Bildungschancen, zu Krankheiten und zu sozialer Ausgrenzung. 90.000 Kinder und Jugendliche in Österreich sind betroffen.

Sie kommen in der Früh oft hungrig in die Schule. Ihre Kleidung ist altmodisch und abgetragen. Bei schlechten Noten hilft ihnen kein Nachhilfelehrer. Wenn sie neue Hefte oder Materialien für den Werkunterricht brauchen, könnte das ein Problem werden. Ihre Eltern schränken sich ein, so gut es geht, müssen aber auch die Miete bezahlen, Lebensmittel kaufen, heizen. Am Pausenhof stehen sie oft abseits. Sie sind die, mit denen niemand tauschen will. Weil sie arm sind.

Beim Essen sparen

1,7 Millionen Kinder und Jugendliche gibt es in Österreich. 250.000 Kinder gelten als armutsgefährdet. 90.000 sind von manifester, also deutlich erkennbarer Armut betroffen. 35.000 Kinder und Jugendliche verbringen ihre Tage unter Sozialhilfebedingungen. Jedes zehnte Kind wächst in einem Haushalt auf, der sich bei der Ernährung einschränken muss. Für fünf Prozent der Kinder ist neue Kleidung ein unerschwinglich teurer Luxus. Ein einwöchiger Familienurlaub ist für 500.000 Kinder ein Ding der Unmöglichkeit. Fünf Prozent Kinder leben in einer Familie, die sich das Heizen nicht leisten kann. Diese alarmierenden Fakten gehen aus dem kürzlich publizierten „Sozialbericht 2007–2008“ des Bundesministeriums für Soziales und  Konsumentenschutz hervor. Die Daten des Sozialberichts zeigen auch, dass solche Lebensbedingungen in engem Zusammenhang mit psychosozialen Benachteiligungen stehen.

Armut tut weh

„Kindern in Armut weisen mehr Kopfschmerzen, Nervosität, Schlafstörungen und Einsamkeit auf als andere Kinder“, bestätigt Mag. Martin Schenk,  Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitarbeiter der Armutskonferenz. „Diese Kinder leben in kleinen und feuchten Wohnungen in den schlechtesten
Vierteln, sie gehen in die am geringsten ausgestatteten Schulen. Sie müssen fast überall länger warten – außer beim Tod, der ereilt sie um einige Jahre früher als Angehörige der höchsten Einkommensschicht.“ Kinder in Armut tragen die soziale Benachteiligung als gesundheitliche Benachteiligung ein Leben lang mit sich herum. Sie sind auch als Erwachsene deutlich kränker als der Rest der Bevölkerung. Arme Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen. Und sie haben kaum Chancen, der Armutsfalle, in die sie hineingeboren worden sind, zu entkommen. 61.000 armutsgefährdete Kinder wohnen in äußerst beengten Platzverhältnissen, sie leben in überbelegten Wohnungen und haben mit großer Wahrscheinlichkeit zu wenig Platz zum Spielen und Arbeiten, besitzen keinen eigenen Schreibtisch. Hier konzentriert für gute Schulnoten zu lernen und an einer besseren Zukunft zu  arbeiten, ist in der Regel wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Dabei ist ein eigener, geeigneter Platz zum Lernen laut den OECD-Bildungsstudien ein äußerst wichtiger Faktor für den Lernerfolg.

No Future?

„Wo stehst du, wenn du 30 Jahre alt bist?“ Das wurden im Rahmen der PISA-Studie 15-Jährige in ganz Europa gefragt. Das Ergebnis zeigt: In Österreich trauen sich Kinder aus Familien mit geringem sozioökonomischen Status weit weniger zu als Kinder aus vergleichbaren Familien in Finnland oder Kanada. „Man weiß, wer wohin gehört. Aus armen Kindern werden arme Eltern, aus reichen Kindern werden reiche Eltern“, meint Schenk und betont: „Trotz der im europäischen Vergleich geringen Kinderarmut schneidet Österreich in der sozialen Mobilität ‚nach oben‘ nur durchschnittlich ab.“ Tatsächlich bestimmt das
Haushaltseinkommen in Österreich maßgeblich den Bildungsweg der Kinder. Statistiken zeigen: Je weniger die Eltern verdienen, desto eher wechseln die Kinder nicht in die AHS-Unterstufe – auch wenn sie laut Volkschulzeugnis die AHS-Reife gehabt hätten.

Gestiegenes Armutsrisiko

Wegen der Wirtschaftskrise und der globalen Rezession drohen in den nächsten Jahren auch in Österreich ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen und ein Schrumpfen des Wohlstands. Durch dieses Szenario wird der Kampf gegen die Armut, dem – wie der aktuelle Sozialbericht zeigt – schon bisher kaum Erfolge beschieden waren, weiter erschwert. Die Aufgabenstellung ist diffizil: Es sind immer mehrere Gründe, die eine Familie in die Armut stürzen: Geringes Einkommen, Krankheit, Konjunktureinbruch, schlechte Kinderbetreuung, plötzliche Arbeitslosigkeit zählen dazu. Deshalb müssen auch die Konzepte zur Armutsbekämpfung multidimensional funktionieren. Dr. Petra Hoelscher von der Universität Dortmund hat im Auftrag der EU-Kommission eine strategische Studie zur Bekämpfung der Kinderarmut erstellt (siehe Kasten). Dabei stellte sie fest, dass viele Länder Kinder und ihr Wohlbefinden nach wie vor hauptsächlich aus der Erwachsenenperspektive betrachten und den Schwerpunkt der Armutsbekämpfung auf die Bedürfnisse der Eltern abstimmen. Und das, so ein Ergebnis der Studie, müsse sich schleunigst ändern.

So will die EU das Problem Kinderarmut bekämpfen

• Die finanziellen Ressourcen der Familien sollen nach dem Modell der liberalen Wohlfahrtsstaaten durch Erwerbstätigkeit und direkte Transfers erhöht werden.
• Subventionierte Kinderbetreuungsplätze, preiswerte Wohnungen und erschwingliche Gesundheitsleistungen sollen helfen, die Ausgaben der Familien zu senken.
• Einsatz von Strategien, die direkt auf das Wohlergehen der Kinder ausgerichtet sind. Zum Beispiel: Sicherstellung integrativer Bildung, Stärkung der Handlungskompetenz der lokalen Netze und Familien sowie Entwicklung von Diensten zum Kinderschutz.

Gerechte Welt? 35.000 Kinder und Jugendliche wachsen in Österreich unter Sozialhilfebedingungen auf. Bei jedem Zehnten muss sogar beim Essen gespart werden.

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