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eizelle2 © Gunnar Assmy - Fotolia.com Kopie

Ein Kind um jeden Preis?

Innerhalb unserer Sprache existieren Worte, deren Bedeutung wir zwar erklären können, für die es aber dennoch unterschiedliche Definitionen gibt, die nur schwer zu fassen sind. Dazu gehören Begriffe wie Liebe oder Glück – man weiß, was damit gemeint ist, ihren Gehalt in Worte zu fassen, gestaltet sich allerdings schwierig.

Die Bezeichnung „Mutter“ hat für jeden Menschen eine bestimmte Bedeutung, geprägt von vielfältigen Unterschieden. Adoptierte Kinder, Pflegekinder, leibliche Kinder – sie alle bezeichnen im besten Fall die Frau als Mutter, die sie liebevoll großgezogen und sich um sie gekümmert hat. Eine Mutter ist also nicht zwingend jene Frau, die mit einem Kind verwandt ist oder die ein Kind zur Welt gebracht hat, wenngleich der Gesetzgeber im §137b ABGB sagt: „Mutter ist die Frau, die das Kind geboren hat.“ Ein kleines Kind macht diese Unterschiede nicht, Mama ist die, die da ist, die vorliest, die sich sorgt, die liebt.

Nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte EGMR nach einer Klage zweier unfruchtbarer Paare beschlossen hat, dass ein Verbot der Eizellspende in Österreich nicht gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt, wurde die Diskussion um derartige Spenden und ihre Folgen neu entfacht. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die für eine Eizellspende ins Ausland fahren, viel Geld bezahlen und sich diese Prozedur mehrfach antun, um endlich Eltern werden zu können sowie weitere Befürworter, auf der anderen all jene, die sich vehement gegen eine Legalisierung aussprechen.

Umstrittene Eizellenspende

Sozialwissenschaftlerin Dr. Eva Schindele aus Bremen bezeichnet das Ausweichen kinderloser Paare ins Ausland als „Eizelltourismus“. „Internet und Billigflieger begünstigen derartige Unternehmungen.“, so Schindele. Man solle bedenken, dass eine Eizellspende ein hohes gesundheitliches Risiko für die Spenderin darstelle und dass sich größtenteils Frauen zu Spenden hinreißen ließen, die in Armut leben. Wollte man zynisch argumentieren, könnte man sagen, dass sich unsere gesamte Konsumgesellschaft auf der Not anderer Menschen aufbaut. Unsere technischen Geräte beispielsweise werden größtenteils in asiatischen Fabriken hergestellt, in denen vorwiegend Arbeiterinnen unter menschenunwürdigen Verhältnissen tagaus, tagein schuften. Ebenso könnte man sagen, dass Frauen besser die Möglichkeit haben sollten, Eizellen zu spenden, statt sich prostituieren zu müssen. Die Freiwilligkeit der Spende sei nicht immer gegeben, so Univ.-Prof. Dr. Sigrid Müller vom Institut für Moraltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. „Frauen sind oft in der Gefahr, sich den Wünschen und Erwartungen unterzuordnen, ohne vorher selbst genau zu überlegen was ihre eigene Position ist“, so die Theologin.

Umfassende Aufklärung notwendig

Wichtig wäre eine umfassende Aufklärung in den Ländern, die die Eizellspende legal anbieten sowie ausreichende medizinische Versorgung. Frauen, die sich für das Prozedere im Ausland entscheiden, sollten über die Risiken, die die Spenderin eingeht, aufgeklärt werden und im Bedarfsfall dafür sorgen können, dass man ihr die Behandlung zuteil werden lässt, die sie benötigt.

Kritiker merken an, wie selten man in der Diskussion um die Eizellspende Spenderinnen und die daraus entstandenen Kinder erwähnt. Dr. Giselind Berg, Soziologin an der Berlin School of Public Health Charité Universitätsmedizin, erklärt: „Die Bedingungen und die Folgen der Eizellspendenpraxis für Spenderinnen oder Empfängerinnen, aber auch für die Kinder, sind kaum von Interesse.“ Man blende diese Aspekte weitgehend aus, obwohl sich die Öffentlichkeit für das Thema Eizellspende durchaus interessiere. Frauen, die sich so sehr ein Baby wünschen, haben verständlicherweise lediglich dieses Ziel vor Augen. Anders als bei Adoptiveltern, denen bewusst ist, dass ihr Kind von anderen Menschen abstammt, wächst ein aus einer Eizellspende entstandener Sprössling im Körper der Empfängerin heran, wird von ihr zur Welt gebracht, weshalb sie die Tatsache ausblendet, wer die genetische Mutter ist. Für sie ist es das Geschenk, auf das sie so lange gewartet hat.


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Ein Kind um jeden Preis?

Rechtliche Graubereiche

Rechtsanwältin Ulrike Riedel erläutert die Rechtsfolge derartiger Spenden folgendermaßen: „Die Eizellspenderin ist nicht im rechtlichen Sinne mit dem Kind „verwandt“, obwohl das Kind auch von ihr „abstammt“. Verständlicherweise ist das für eine Frau, die durch eine Eizellspende eine Schwangerschaft erleben darf, irrelevant, für die Spenderin vielleicht nicht. Der Zwiespalt, in den Gesetzgeber und Beteiligte geraten, ist daher schwer zu umgehen. Man solle vermeiden, dass ein Kind zwei biologische Mütter hat, so die Juristin. Des Weiteren ist das Recht auf Kenntnis der Abstammung völkerrechtlich ein Menschenrecht, weshalb Kindern Informationen darüber, von wem sie abstammen, nicht vorenthalten werden dürfen. Sich zu fragen, von wem man bestimmte Eigenschaften oder Merkmale hat, ist normal und legitim. Die Frage ist nur, ob tatsächlich jedes Kind, das durch eine Keimzellspende entstanden ist, sich dafür interessiert. Hängt es nicht auch oft mit den Problemen innerhalb unserer Gesellschaft zusammen, dass Heranwachsende orientierungslos sind, sich beeinflussen lassen oder manches hinterfragen, was sie vielleicht ohne den Zugang zu bestimmten Medien nie getan hätten? Der Gesetzgeber definiert „Eltern“ ganz klar, dennoch müssen sie für Kinder nicht zwingend diejenigen sein, die sie gezeugt und zur Welt gebracht haben. Die Frage ist doch, ob Sprösslinge, die innerhalb anderer Kulturkreise von Menschen aufgezogen wurden, die sie als ihre leiblichen Kinder angenommen haben (z.B. nach dem Tod der Mutter unter der Geburt) ebenfalls in derartige Identitätskrisen fallen oder ob sie diejenigen als Eltern annehmen, die sie lieben und aufziehen. Liegt es nicht eher an unserer Gesellschaft, am Erfolgsdruck, unserer Lebensweise, dass sich Kinder oft verloren fühlen?

Adoption ist schwierig

Dr. Katharina Kruppa, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, vertritt die Ansicht, dass man Kinder, die aus einer Eizellspende oder durch künstliche Befruchtung entstehen, innerhalb der Diskussion zum Thema keinesfalls außer Acht lassen dürfe. Allerdings gibt sie zu bedenken: „Heißt die Sicht der Kinder nicht in vieler Hinsicht auch die Sicht aller Kinder in unserer Gesellschaft? Und ich frage mich immer wieder um die Prioritäten unserer Gesellschaft, wenn mit sehr viel Druck und auch mit dem Risiko kranker Kinder eine forcierte Reproduktionsmedizin vorangetrieben wird und andererseits für die Kinder, die ganz real da sind und die ganz dringend eine gesellschaftliche Verantwortung brauchen, viel zu wenig Ressourcen, finanzieller aber auch menschlicher Art, da sind!“ Sie spricht damit ein Thema an, das ein äußerst wichtiges ist, nämlich das Problem, dass Kinderwunschpaaren häufig der Zugang zu Kindern, die dringend Eltern bräuchten, erheblich erschwert wird. Jahrelanges Warten auf Adoptionen lässt in vielen Menschen den Wunsch heranreifen, durch medizinischen Fortschritt doch noch „zu einem Kind zu kommen“, statt sich einen ewig andauernden Behördenkrieg anzutun.

Kruppa bringt ebenfalls eine Tatsache zur Sprache, die weitestgehend ausgeblendet wird: Mehrlingsschwangerschaften durch Reproduktionsmedizin, die zugunsten eines entstehenden Kindes abgebrochen werden. Viele Frauen seien in tiefe Trauer gestürzt, nachdem sie sich für einen Embryo oder Fetus und gegen die anderen entscheiden mussten, so die Medizinerin. Diese Trauer dürfe aber nicht zugelassen werden, da man sich ja auf das zu erwartende Kind freuen müsse.

Das Recht auf freie Entscheidung

Das Thema Eizellspende ist ein komplexes, vor allem aber ein schwieriges. Ein wichtiges Argument hierbei ist, dass Kinder, die so entstanden sind, von sich sagen können, Wunschkinder zu sein. In einer Zeit, in der es immer häufiger zu Kindstötungen kommt, Teenager ungewollt schwanger werden und viele Frauen durch wirtschaftliche Nöte ihre Kinder zur Adoption freigeben, ist es klarerweise wunderbar, wenn gewünschte Kinder zur Welt kommen. Sollte das aber um jeden Preis geschehen? Waren die Zeiten, in denen Paare mit der Tatsache leben mussten, niemals Kinder haben zu können, tatsächlich besser? Jeder sollte das Recht haben, frei zu entscheiden, ob und wie er Kinder bekommen möchte. Dass der Gesetzgeber auch in dieser Hinsicht vieles regeln und beachten muss, ist durchaus verständlich. Dennoch gilt es, abzuwägen, inwieweit man hinsichtlich Keimzellspenden so strikt entscheiden sollte. Vielleicht gäbe es ja einen Mittelweg, der alle Betroffenen zufrieden stellen könnte. Schließlich kann man kein Kind, wie auch immer es entstanden ist, vorher fragen, ob es jemals sein wollte. So gesehen entscheiden zwei Menschen über das Wohl und Wehe eines entstehenden Menschenkindes, ohne zu wissen, ob es das Richtige ist. Sie können sich lediglich auf dieses Abenteuer einlassen, ob ihr Sprössling das Leben lieben und damit zurechtkommen wird, steht auf einem anderen Blatt.