Uni Wien-Projekt: Erinnerungskultur für Volksschulkinder
Wie lässt sich Erinnerungskultur so gestalten, dass Kinder weder überfordert noch unterschätzt werden? Dieser Frage widmete sich das Kinderbüro der Universität Wien in den Osterferien gemeinsam mit dem Verein GEDENKDIENST, der sich mit historisch-politischer Bildungsarbeit beschäftigt. 30 Kinder, im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren, tauchten während der Ferienwoche in österreichische Geschichten ein, die zeigen, wie Menschen früher gelebt haben und was ihre Erfahrungen mit dem heutigen Alltag zu tun haben.
„Wenn wir Kindern Geschichte zugänglich machen, schenken wir ihnen nicht nur Wissen, sondern Werkzeuge: fürs Mitfühlen, fürs Nachfragen und fürs demokratische Zusammenleben“, sagt Karoline Iber, Geschäftsführerin des Kinderbüros der Universität Wien.
Mit Lebensgeschichten Brücken bauen
Volksschulkinder kommen in der klassischen Erinnerungskultur bisher kaum vor. Die Ferienwoche war daher als Pilot konzipiert, der auch über Österreich hinauswirkt: Das Gesamtprojekt wird gemeinsam mit Partnern aus Triest umgesetzt und der internationalen Kinderuni‑Community zur Verfügung gestellt – spätestens zur Abschlusskonferenz im Februar 2027 in Wien.
Wie rasch Kinder Zugang finden, wenn Geschichte über konkrete Menschen erzählt wird, zeigte sich bereits am ersten Tag. Besonders deutlich wurde das bei der Auseinandersetzung mit der Kindheit der österreichischen Autorin Christine Nöstlinger. Interviewausschnitte und Erzählungen zeichneten ein lebendiges Bild vom Wien früherer Jahrzehnte und luden die Kinder ein, Vergleiche zu ziehen: Wie war Kindheit damals? Wie ist sie heute? Und welche Fragen stellen sich daraus für ihre eigene Zukunft?
Geschichte als Sammlung persönlicher Erfahrungen
Weitere Lebensgeschichten – geprägt von Migration, politischem Engagement, Rassismus oder gesellschaftlichem Wandel – erweiterten diese Perspektiven. Besuche im Haus der Geschichte und Jüdischen Museum Wien vertieften das Verständnis dafür, dass Geschichte nicht nur aus großen Ereignissen besteht, sondern aus individuellen Erfahrungen, die bis heute nachwirken.
Gespräche, spielerische Zugänge und Reflexionsrunden halfen den Kindern, Parallelen zu erkennen, Unterschiede wahrzunehmen und ihre eigene Gegenwart bewusster einzuordnen.
Zeitkapseln als Blick in die Zukunft
Am Ende der Woche gestalteten die Kinder persönliche Zeitkapseln – gefüllt mit Zeichnungen, kleinen Fundstücken und Gedanken zu ihrer eigenen Kindheit. Die Idee dahinter: Auch die Erlebnisse heutiger Kinder sind Teil von Geschichte und können für zukünftige Generationen einmal Bedeutung haben.
Die Ferienwoche ist Teil von CU REMEMBER (www.cu-remember.eu), gefördert von der Europäischen Kommission, das neue, kindgerechte Zugänge zur historisch-politischen Bildung entwickelt und innovative Methoden für Schulen und Bildungseinrichtungen bereitstellt. Im Zentrum steht eine Frage, die für alle Generationen Bedeutung hat: Woran erinnern wir uns – und warum? „Die Antworten darauf entstehen nicht im Geschichtsbuch, sondern in Begegnungen, Gesprächen und dem Vertrauen, dass Kinder viel mehr verstehen, als ihnen oft zugetraut wird“, so Iber.
Foto: komma4
